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Auschwitz – Eindrücke und Reflexionen 

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Eine Gruppe von 16 Schüler:innen machte sich vom 28. Januar bis zum 1. Februar diesen Jahres in Begleitung von Christopher Huscher und Tobias Pengel auf, um die Gedenkstätte und den Ort Auschwitz zu besuchen. Über ihre Eindrücke und ihre Reflexionen produzierten die Schüler:innen Bilder, Collagen, Texte, Audios und Videos. 

 

Aus den Produkten dieser Auseinandersetzung mit dem Ort Auschwitz ist eine beeindruckende multimediale Ausstellung entstanden, die an zwei Freitagen, dem 8. und dem 15. März, von den Schüler:innen eröffnet wurde. Zur Eröffnung waren interessierte Schüler:innen aus der Qualifikationsphase 2 eingeladen. 

 

Die Ausstellung ist bis Ende April 2024 im 2. Lichthof zu sehen. 

 

(Text und Fotos: Christopher Huscher)

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Der folgende Text sowie die Fotos stammen aus der Ausstellung und können einen Einblick geben:

 

Es ist dunkel

Es ist dunkel. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen, während aus den Lautsprechern an den Wänden Namen erklingen. Die Namen der Opfer. Der Opfer des Ortes, an den ich jetzt gehe. 

Auschwitz.

Mit jedem Schritt, den ich durch den weiß gestrichenen Gang mache, wächst das mulmige Gefühl in meinem Bauch. In der Schule hatten wir zwar schon lange und viel darüber geredet, was hier passiert ist, aber nichts konnte mich darauf vorbereiten, was ich hier sehen würde. 

IMG 4024 editedAls ich aus dem Gang heraustrete, scheint die Sonne vom wolkenlosen Himmel hinunter und ich muss die Augen zusammenkneifen, um das weitläufige Gelände überblicken zu können. Währenddessen lasse ich mich von dem Strom der anderen Besucher mittreiben und bewege mich so langsam auf das Tor mit der weltweit bekannten Gravur „ARBEIT MACHT FREI“ zu. Ich laufe an einigen Gruppen vorbei, darunter mehrere Schulklassen, und frage mich insgeheim, was in ihren Köpfen vorgeht. Ob es ihnen genauso geht wie mir? Irgendwie habe ich Angst vor dem, was ich jetzt sehen werde. Wie es sich anfühlen wird, diese Wege zu laufen, diese Treppen zu steigen. 

Vor dem Tor bleibe ich kurz stehen und lasse alles auf mich wirken. Das geschmiedete Tor mit dem umgedrehten B als stillen Protest, die zweireihigen, meterhohen Stacheldrahtzäune und die Gebäude vor mir. Mit all den anderen Menschen, die mit mir durch das Tor treten, bekomme ich eine Vorstellung davon, wie es hier vor 80 Jahren ausgesehen haben muss. 

Ich betrete das erste Gebäude mit der Nummer 4 und werde von Informationen erschlagen. Der Raum erstreckt sich über die gesamte Länge des Gebäudes und ist gefüllt mit Informationen über das Stammlager, die ehemaligen Häftlinge und die Gründe für das Geschehene. 

Jedes Haus, das ich betrete, ist voll mit Zahlen, Bildern, Fundstücken und Geschichten. Ich sehe einen Teil der Behälter für Zyklon B, was für den Massenmord benutzt wurde. Ein anderer Raum beherbergt die tausenden Brillen, die einmal den Häftlingen gehörten. Stumm laufe ich vorbei an Prothesen, Gehhilfen, Geschirr und Schuhen. Ich sehe Namen inmitten der Stapel an Gepäckstücken. Namen, die ein Leben hatten und einfach aus der Welt gerissen wurden. 

IMG 4027 editedIn einem anderen Gebäude sind hunderte Bilder von Häftlingen, mit Namen, Geburts- und Sterbedaten. Im Vorbeigehen rechne ich aus, wie alt sie bei ihrem Tod waren, und stelle fest, dass einige davon kaum älter als ich geworden sind, viele haben nicht einmal die 30 erreicht. 

Mich überkommt ein Anflug von Schuld, als ich an den ehemaligen Häftlingsräumen vorbeigehe, welche gefüllt sind mit Stroh oder alten Matratzen. Der höchste Komfort, den die Häftlinge bekommen hatten, waren alte Stockbetten aus Holz. Unwillkürlich fühle ich mich schlecht, da ich in wenigen Stunden zurück in die Herberge gehen kann und dort genug Essen, eine warme Dusche und ein gemütliches Bett erwarten werde. 

Auf dem Weg zum Krematorium I scheint mir die Sonne in den Nacken und ich muss wieder einmal daran denken, wie sich die Häftlinge gefühlt haben müssen, während sie diese Wege gegangen sind. Vom strahlenden Sonnenschein bewegt sich die Menge in das kühle, halb unterirdisch liegende Gebäude. 

Über mir eröffnen sich einige Löcher in der Decke, durch die die Behälter mit dem Zyklon B in die Kammer geworfen wurden. Im Nebenraum stehen die beiden Öfen, in denen die Körper der Toten verbrannt wurden. 

Als ich das Stammlager I endlich verlasse, fühle ich mich wie benommen und kann all die Eindrücke kaum verarbeiten.

Mich erfüllt noch immer ein Schuldgefühl, als ich die Treppen des Buses hinuntersteige und mich auf den Weg zu Auschwitz–Birkenau mache.

Schon aus der Ferne sehe ich die Bahnschiene, die durch das große Tor in das Innere des Lagers führt, und stehe kurze Zeit später auf eben dieser. Andächtig schieße ich einige Bilder, bevor ich durch ein separates Tor das Gelände betrete. 

Ich dachte, dass das Stammlager I schon groß gewesen wäre, aber Birkenau übertrifft dies um Längen. Um mich herum sehe ich fast schon kilometerweit nur Ruinen von ehemaligen Baracken und ein paar ausgewählte, die zu Ausstellungszwecken wiederaufgebaut wurden. In gleichmäßigen Abständen erstrecken sich die alten Kamine in die Höhe und ich kann mir nicht richtig vorstellen, wie an diesem Ort tausende von Menschen gelebt haben sollen.

IMG 4113 editedIch nehme mir Zeit, während ich von Baracke zu Baracke laufe. Ich lese Schilder, auf denen steht, wie es dort einmal zuging, und bekomme ein Bild von dem Alltag im Konzentrationslager. Es dauert bestimmt eine Stunde, bis ich endlich das Ende des ewig langen Weges erreicht habe und vor den beiden ehemaligen Krematorien stehe. Auf dem Platz dazwischen ist eine Gedenkstätte eingerichtet und aufgrund des Holocaust-Gedenktages vor ein paar Tagen liegen überall Blumen. Bedrückt betrachte ich diese und die Inschrift auf dem Stein vor mir. 

Langsam gehe ich vorbei an den Überresten des Krematoriums II und lasse den Blick über die restaurierten Holzhütten schweifen, während ich mich in Richtung des „Kanada“-Abschnitts des Lagers bewege. An diesem Ort wurden fast ausschließlich Frauen inhaftiert, welche die Gepäckstücke der neu angekommenen Häftlinge nach Wertsachen durchsuchen mussten. Es stehen nur noch Ruinen an den Stellen der ehemaligen Hütten und trotzdem kann ich das Geschehen von vor 70 Jahren fast schon bildlich vor mir sehen. 

Auf dem Weg zum Ausgang wandere ich zu den begehbaren Baracken, welche originaltreu erhalten wurden. Die Hütten haben zwei Gänge und auf beiden Seiten jedes Ganges dreistöckige Betten aus Stein und Holz. Ich erfahre, dass die Häftlinge mitunter zu viert oder fünft in diesen Betten geschlafen haben, und verlasse das Gebäude betreten. In einer Baracke, der Mutter-Kind-Baracke, sehe ich Zeichnungen an der Wand, darunter eine Schule. Es ist für mich unwirklich, dass diese Kinder sich so sehr danach gesehnt haben, in die Schule gehen zu können, während ich mich oft darüber beschwere. Neben dieser Hütte gibt es jedoch auch spezielle Baracken für Männer und Kranke. Zu sehen, dass die Fenster der Krankenbaracke vergittert sind, und zu hören, dass die Häftlinge hinter diesen Gittern sich selber überlassen wurden, um weniger Aufwand zu haben, schockiert mich zutiefst. 

Obwohl die Baracken unterschiedliche Häftlinge beherbergten, haben sie alle etwas gemeinsam: Sie sind dunkel, kalt und ungemütlich. Allein der Gedanke daran, dass im Laufe der Jahre mehrere tausend Menschen hier untergebracht waren, lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. 

IMG 4144 editedAls ich endlich das letzte Gebäude verlasse und tief durchatme, ist die Sonne dabei unterzugehen. Ich habe so viele Gedanken im Kopf – und gleichzeitig keine.

An den folgenden beiden Tagen habe ich einen durchgetakteten Plan: Ich nehme an einer Stadtführung durch Oświęcim teil, bei welcher ich viel über die Geschichte der Stadt erfahre und warum die Nationalsozialisten ausgerechnet diese Stadt für ihre Taten ausgewählt haben. Aber auch das jüdische Leben, welches schon vor der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben wurde, wird angesprochen und als ernstes Thema in meinem Kopf verankert. Aus diesem Grund besuche ich noch am selben Tag das jüdische Zentrum der Stadt. Es stellt eine Mischung aus Museum und Treffpunkt für die jüdische Gemeinde dar und möchte Besuchern vor allem die Geschichten der Opfer aus Oświęcim nahebringen und über die Folgen dieser Zeit für die gesamte Gegend aufklären. Neben den Ausstellungsräumen gibt es auch eine aktive Synagoge, die einzige, die der jüdischen Gemeinde erhalten geblieben ist. 

Neben vielen tragischen Geschichten erfahre ich jedoch auch etwas über Henryk Mandelbaum, einen KZ-Überlebenden. Seine Geschichte ist weit bekannt und das aus gutem Grund. Obwohl er 2008 verstorben ist, kann ich mir ein Interview anschauen, in dem er über sein Leben vor und während der Inhaftierung redet. 1941 wurde Mandelbaum mit seiner Familie in ein Ghetto gebracht, wo er als Maurer arbeitete. Aufgrund dieser Anstellung hatte er Kontakte, die ihm letztendlich zur ersten Flucht verhalfen. Aufgrund unglücklicher Umstände wurde er jedoch 1944 verhaftet und nach Auschwitz überstellt. Dort wurde er in das Sonderkommando eingeteilt und war so unter anderem für die Verbrennung der Leichen zuständig. Trotz der Beteiligung an einem Aufstand blieb er am Leben und wurde 1945 sogar auf einen der Todesmärsche geschickt, wo es ihm gelang, ein zweites Mal zu fliehen. Als Zeitzeuge berichtete er sein restliches Leben über die damaligen Geschehnisse und erhielt dafür weltweite Bekanntheit. 

Bevor ich mich auf den Weg zurück nach Deutschland mache, besuche ich noch das Gedenkmuseum „Bilder der Erinnerung – das Schicksal der Bewohner der Region Oświęcim“, welches sich vor allem mit der Zeit unter der NS-Diktatur beschäftigt. Mit einem Paar Kopfhörer kann ich mich frei durch das Museum bewegen und verschiedene Ausstellungsstücke sowie viele verschiedene Kurzfilme von Betroffenen und Historikern betrachten. Ich finde es erschreckend, wie sehr die Bewohner der Stadt leiden mussten, weil sie einer anderen Kultur und Religion angehörten. Heutzutage ist das kaum noch vorstellbar, jedoch weiß ich, dass die jüdische Gemeinde auch heute noch große Probleme hat. 

Während meiner Zeit in Oświęcim haben Zahlen Namen, Geschichten und Bilder bekommen. Erzählungen und Schulbuchtexte wurden zu Erfahrungen. Diese drei Tage haben mich tief geprägt und ich werde meine Zeit dort nie vergessen. 

„Ich“ war eine Gruppe von 16 Schüler:innen der Jacob-Grimm-Schule in Kassel, welche im Januar 2024 an der Auschwitz-Exkursion teilgenommen haben. Vielen Dank geht an Herrn Huscher und Herrn Pengel sowie an alle Mitarbeitenden und Freiwilligen der IJBS in Oswiecim!

Katharina Grysczyk (Text und Fotos)

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