"Wir wissen viel zu wenig voneinander" - Zeitzeugengespräch mit Joachim Jauer

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DSC 0097Joachim Jauer, geboren 1940 in Berlin-Dahlem, hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Er sitzt auf einem Podest mit fünf Stühlen, der Rest der Sporthalle ist gefüllt mit Schülern und Lehrern der Jacob-Grimm-Schule (JGS). Eigentlich sollte es mit der Hilfe von drei engagierten Abiturienten des Geschichtsleistungskurses unter der Leitung von Annabelle Weyer ein moderiertes Gespräch werden. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass dies nicht nötig ist, die Moderatoren Paul Gruber, Julian Christoph Schneider und Jan Erik Schulz müssen nur wenige Fragen stellen, gebannt lauschen die Zuhörer den Worten des Gastes.
Für fast zwei Stunden hält Joachim Jauer das Publikum in seinem Bann. Er beginnt mit einer kleinen Anekdote aus dem Jahr 1982, indem er die Frage stellt: „Was hat Hessen mit Thüringen zu tun?“ und berichtet von der Besonderheit eines Schüleraustausches zwischen den heutigen Bundesländern. Dass es damals – zu DDR-Zeiten - nicht normal war, einfach „über die Grenze zu fahren“, wird der aufmerksamen Zuhörerschaft schnell bewusst.
DSC 0086Der Zeitzeuge, den die Fachschaft Geschichte an die JGS eingeladen hat, berichtet von seiner Zeit beim RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor Berlins) und Interviews mit geflüchteten DDR-Grenzsoldaten, die über ihre Gewissensgründe sprachen, nicht auf flüchtende Landsleute zu schießen. Als er nach seinem Wechsel zum ZDF 1967 als erster westdeutscher Reporter in der DDR drehen wollte, erhielt er zunächst keine Erlaubnis der Behörden. Also nahm er kurzerhand einen britischen Kameramann mit und fuhr in den Osten, „und ab sofort waren wir die Männer vom britischen Fernsehen”. Ihre Sendung hieß „Winterurlaub in Oberwiesenthal”, da es natürlich eine unpolitische Sendung sein musste, damit sie auch die Filmrechte bekamen. Dort erfuhren sie allerlei, zum Beispiel auch, dass man in der DDR Westfernsehen schaute und Waren, die in diesem beworben wurden, einen gewissen „Hype“ in Ostdeutschland erfuhren.
DSC 0092Nach dieser Sendung drehte Joachim Jauer noch viele weitere Dokumentarfilme und Magazine, welche sich mit der DDR befassten, wie „Potsdam heute”, ab 1971 arbeitete er in der Redaktion des ZDF-Magazins „Kennzeichen D“ mit, als dessen Moderator er später sowohl in West- als auch in Ostdeutschland eine hohe Popularität erreichte. Diesen Titel trägt auch sein Buch, das die Zuhörer nach der Veranstaltung – natürlich mit Autogramm – vergünstigt erwerben konnten. Diese Bekanntheit – Jauer leitete unter anderem von 1978-1982 das Büro des ZDF in der DDR mit Sitz in Ostberlin und war dort akkreditierter Korrespondent – führte auch zur ständigen Überwachung durch die Stasi, die ihn als „OV Fabulant“ verfolgte.
Eine der spannendsten Erzählungen stellen sicher seine Erlebnisse aus seiner Zeit als Leiter des ZDF-Studios in Wien und Sonderkorrespondent für Mittel- und Osteuropa am 2. Mai 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze dar, von wo er als einziger westdeutscher Reporter berichtete, während ungarische Soldaten den maroden Grenzzaun, den „Eisernen Vorhang“, durchschnitten, den der damalige ungarische Ministerpräsident Miklós Németh nicht mehr sanieren wollte. Anschaulich präsentiert Jauer den jugendlichen Zuhörern ein „Stück Geschichte”, welches er mitgebracht hat: ein Stück Stacheldraht, damals überreicht von einem ungarischen Soldaten und umwickelt mit einem Band in den Nationalfarben Ungarns. Laut Jauer müsste dieser Tag viel mehr Prominenz erfahren, da dies „der Anfang vom Ende“ des Ostblocks gewesen sei.
DSC 0103Die Nachricht der Grenzöffnung löste quasi eine „Völkerwanderung“ aus der DDR nach Ungarn aus, was einen solchen Druck ausübte, dass dann schließlich am 11. September 1989 die ungarische Grenze zum Westen vollends freigegeben wurde.
Die wohl wichtigste Botschaft, die Joachim Jauer nachdrücklich ans Ende der Veranstaltung stellte, war der Appell zur Verständigung. Der Dialog zwischen Ost und West sei sowohl damals wichtig gewesen als auch im heutigen Deutschland 20 Jahre nach der erworbenen Einheit nötig. Trotz vieler Bemühungen gebe es noch reichlich Ungleichheiten und Konflikte. Es müsse weiterhin vieles aufgearbeitet und verarbeitet werden, was die Vergangenheit Deutschlands angeht, die Kommunikation zwischen Ost und West – in Deutschland und auch in Europa – dürfe nicht abbrechen.

Text: Johanna Hahn (redaktionelle Überarbeitung: Annabelle Weyer)

Fotos: Jana Keßler