Gastvortrag von Prof. Dr. Gerd Steffens

Veröffentlicht in Aktuelles

Demokratie in Zeiten der Globalisierung

DSC 0223Anlässlich der Verabschiedung vierer verdienter Kollegen, die über Jahrzehnte das Schulleben der Jacob-Grimm-Schule mitgeprägt haben, hielt am 5. Juli 2016 Prof. Dr. Gerd Steffens einen Vortrag zum Zustand der Demokratie in Zeiten der Globalisierung. Vor über 200 Schülerinnen und Schülern stand das Spannungsverhältnis der demokratisch verfassten Nationalstaaten zur vor allem wirtschaftlich geprägten Globalisierung, die deren Grenzen immer mehr perforiert, im Mittelpunkt. Für die Schülerinnen und Schüler gab es zahlreiche Anknüpfungspunkte zum Unterricht: Themen wie der Brexit, der Zustand und die Zukunft der EU, die Verhandlungen über die Freihandelsverträge CETA und TTIP wurden ebenso aufgegriffen wie das Revival der Volksnation, das sich in Deutschland anhand der Alternative für Deutschland (AfD) erkennen lässt. Prof. Dr. Gerd Steffens, der neun Jahre lang die Professur für politische Bildung an der Universität Kassel innehatte, konzentrierte sich auf zwei Fragen betreffend die zukünftige Entwicklung der westeuropäischen Demokratien: Was spielt sich in den Köpfen der Menschen ab? Und gibt es ein Demokratiedefizit in den westeuropäischen Demokratien? Bezüglich der ersten Frage kam er zu der „Diagnose“, die Menschen fühlten sich enteignet und litten unter dem Gefühl, nicht mehr selbst die Verhältnisse, in denen sie lebten, bestimmen zu können. Zur zweite Frage stellte er fest, es gebe sehr wohl ein Demokratiedefizit, vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Wirtschaft zu einer Art Superstruktur der Gesellschaft geworden und somit die Demokratie „geschlagen“ sei. Angelehnt an Karl Polanyis (österreichischer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler) Thesen aus dem Jahr 1944 müsse es zur Zerstörung einer Gesellschaft führen, wenn der Marktmechanismus der eigentliche Souverän im Land sei.

SteffensWie also weiter und wohin? Im Moment seien verschiedene Reaktionen auf das einschneidende Ereignis des Brexit zu beobachten: Auf der einen Seite ein „weiter so“ mit einem Europa der nationalen Wettbewerbsstaaten, in dem jeder die EU bestmöglich für seine Interessen nutzt. Auf der anderen Seite könnte sich jetzt jedoch auch eine wirkliche europäische Demokratie entwickeln mit einem Europa von unten, mit einer wirklichen europäischen Staatsbürgerschaft und wirklicher europäischer Mitbestimmung. Wie also weiter und wohin? Wichtig sei auf jeden Fall, auf die Verhältnisse zu schauen, in denen die Menschen lebten, und zu versuchen, die Enteignungserfahrungen der Menschen rückgängig zu machen.

Text und Foto: Kerstin Otto