„Mir fällt zur Demokratie keine Alternative ein!“

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Gunter Weißgerber gab den Abiturienten der JGS als Zeitzeuge

Einblicke in das Leben der DDR und den Wiedervereinigungsprozess

DSC 0022Kurz vor dem Ende ihrer Schulzeit konnten die Abiturienten der Jacob-Grimm-Schule sowie alle Geschichtsleistungskurse in einen direkten Diskurs mit einem Mitgestalter der Deutschen Einheit anlässlich deren 25-jährigen Jubiläums treten. Gunter Weißgerber, Mitbegründer und Hauptsprecher der Montagsdemonstrationen sowie der Ost-SPD und Abgeordneter in der Volkskammer 1990 und im Bundestag bis 2009, formulierte deutliche Worte vor den rund 200 Zuhörern in der Turnhalle der JGS. So erzählte er nicht nur vom Leben in der DDR und seinen Eindrücken der Jahre 1989/90, sondern nahm auch zu aktuellen Themen Stellung und beantwortete zahlreiche Fragen der JGS-Schüler, denen er die Bedeutung einer stabilen Demokratie deutlich vor Augen führte: „Ohne Diskurs keine Demokratie!“

Anna König, Schülerin der Q4, berichtet von ihren Eindrücken:

DSC 0030„Der Titel des Vortrages „Zeitzeuge des Mauerfalls“ löste bei zahlreichen Schülern erst einmal wenige Emotionen aus. Doch dann kam es ganz anders. Es herrschte gespannte Stille, als die stellvertretende Schulleiterin, Gabriele Dybowski, am 22. April 2016 nach einer kurzen Einführung Gunter Weißgerber das Mikrophon reichte. Er stieg sofort in das Thema ein und berichtete von seinen persönlichen Erlebnissen in der DDR, dem ständigen Kampf gegen die Unterdrückung und dem Frust aufgrund der Abhängigkeit von einem intoleranten Regime. Bereits in der Familie wurde er politisch sensibilisiert. Angesichts der noch wachen Erinnerungen an die Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges argumentierte sein Vater gegenüber Arbeitskollegen gegen die Einrichtung der Kasernierten Volkspolizei und wurde deshalb aus politischen Gründen entlassen.

Aufgrund dieser regimekritischen Grundhaltung wurde ihm schon in Kindestagen eingeimpft, die häuslichen Gespräche nicht in der Schule bzw. der Öffentlichkeit wiederzugeben. Damit war seine Familie ein lebendes Beispiel dafür, dass die Schule nicht immer Kenntnis darüber hatte, was zu Hause besprochen wurde.

Bereits 1970, während seiner Schulzeit auf dem Oberstufen-Gymnasium, stach er mit langen Haaren und amerikanischer Jeans aus der Masse heraus. Allerdings war die Individualität nicht von langer Dauer. Denn die Schulleitung untersagte ihm das Tragen der Jeans als auch der langen Haaren. Die Mitteilung an die Kreisleitung und damit verbundene negative Konsequenzen konnten von der besorgten Mutter gerade noch verhindert werden.DSC 0038

Als er sich dann aber in den vierteljährlichen Gesprächen mit Schulleitung und Vertretern der NVA standhaft weigerte, sich für mindestens drei Jahre zu verpflichten und dann während der Grenzausbildung in Eisenach darüber sprach, dass er nicht auf Deutsche, die von Deutschland nach Deutschland flüchten wollten, schießen werde, wurde er in eine Baukompanie versetzt und musste Kabelgräben an der Grenze schachten. Damit konnte er den Dienst an der Waffe umgehen. Die Tür zu seinem Wunschstudium war für ihn danach jedoch verschlossen. 

Die staatlichen Repressalien reichten bis in die Freizeit. Auch seine Tätigkeit als DJ war streng reglementiert. Als er nicht der Vorgabe nachkam, mindestens 60 Prozent Musik von ostdeutschen Musikern und Bands zu spielen, wurde ihm die Lizenz entzogen.

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All dies trug dazu bei, dass er bereits 1987 gegen das autoritäre DDR-Regime demonstrierte, indem er mehrere Monate ein Transparent mit der Aufschrift „822 Jahre Leipzig" hinten in seinen Uralt-Trabant hängte. Das war eine öffentliche Kritik an der SED-Jubelorgie „750 Jahre Berlin – Hauptstadt der DDR“.

Selbstverständlich nahm er auch an den berühmten Leipziger Montagsdemonstrationen des Jahres 1989 teil, war einer der Hauptsprecher auf diesen, wurde im März 1990 in die erste (und letzte) frei gewählte Volkskammer gewählt und saß nach der Wiedervereinigung bis 2009 für die SPD im Bundestag.

Sein Vortrag verdeutlichte die Ungerechtigkeiten, die täglich auf vielen DDR-Bürgern lastete. Das Misstrauen war allgegenwärtig. Zu groß war die Angst, ein Nachbar könnte ein Stasispitzel sein. Obwohl Gunter Weißgerber nur von wenigen persönlichen Geschehnissen berichtete, wurde allen Zuhörern die Härte und Ungerechtigkeit des DDR-Regimes deutlich. Die zahlreichen Anekdoten machten den Vortrag dabei stets greifbar und verständlich.

Dank gebührt Gunter Weißgerber, der uns das Leben in der DDR auf so eindrucksvolle Weise nähergebracht hat.“

Anna König, Q4

Fotos: Annabelle Weyer